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  • AutorenbildDennis Pfefferkorn

Wie Filme erzählen: Techniken und Tipps

Aktualisiert: 1. Feb.


Nahaufnahme eines Mannes

Er hat den Job!

Schweißperlen laufen ihm über die Stirn. Mit zitternden Fingern wischt er den Mauspfeil zur E-Mail-App. In einer Ecke des Icons prangt in einem roten Kreis eine Eins. Er nimmt ein paar tiefe Atemzüge. Ein, aus. Ein, aus. Dann klickt er auf die neue Mail, die sich zuvor mit einem Pling angekündigt hatte. Sein Herz schlägt schnell, während seine Augen über die Zeilen auf dem Bildschirm wandern. Dann: Mit triumphierend geballten Händen springt er auf und stößt einen Jubelschrei aus. Er hat den Job!

 

Vergleichen Sie diese kleine Geschichte nun mit der folgenden:

Nahaufnahme eines Bildschirms. Audio: Pling. Cut. Ein Mauspfeil schwebt zur E-Mail-App. Zoom auf die Eins im roten Kreis. Cut. Nahaufnahme des Gesichts eines Mannes. Cut. Detailaufnahme seiner Schweißperlen und der Sorge in seinen Augen. Audio: Herzschlag und tiefes Atmen. Cut. Klick auf die App. Cut. Textzeilen. Cut. Gesicht des Mannes: Sorge weicht Freude. Cut. Mann in der Halbtotalen. Er springt auf. Audio: Jubelschrei. Stimme aus dem Off: „Er hat den Job!“

 

Sie bemerken es sicherlich: Variante A könnte so oder so ähnlich in einem Roman gedruckt sein. Variante B hingegen versucht in Text zu imitieren, wie wir uns die erfolgreiche Jobsuche unseres Protagonisten in Videoform vorstellen können. Die erzählte Geschichte ist zweimal die gleiche – und doch nehmen wir sie vollkommen anders wahr.

 

 

Erzählt ein Film schlechter als ein Roman?

Wenn Sie einen Roman lesen, schafft es die Druckerschwärze auf dem Papier, dass Sie sich die dargestellte Geschichte bildlich vorstellen können. Gewissermaßen lassen die Wörter also einen Film in Ihrem Kopf ablaufen, der sich für Sie anders gestalten wird als etwa für Ihren Vater oder Ihre Partnerin. Manche Leute behaupten nun, dass ein „richtiger“ Film von der Qualität der Erzählung her niemals an diese unglaubliche Leistung unserer Hirne herankommen würde. Die eigene Kreativität gehe verloren, weil ja schon alles vorgegeben sei und man sich nichts mehr selbst vorstellen müsse. Und dann würden die Entscheidungen zur Umsetzung der Textgrundlage, die der Regisseur getroffen hat, überhaupt nicht zu der Vorstellung der Handlung und Figuren passen, die man selbst hat.

 

Ein solches Urteil ist allerdings zu voreilig getroffen. Denn man kann einen Film nicht ohne Weiteres mit einer textbasierten Erzählform wie einem Roman vergleichen – schlicht deshalb, weil beide Medien vollkommen unterschiedliche Möglichkeiten haben, zu erzählen, wie wir am Beispiel oben gesehen haben. Und wenn man erst einmal gelernt hat, wie man Filme „lesen“ kann und worin sich ihre Erzähltechnik zu der von Romanen unterscheiden, dann kann man Filme nicht nur als eigenständiges Werk schätzen, sondern diese Techniken auch für seine eigenen Videos nutzen, um ein noch effektiveres Storytelling zu erzielen.

 

 

Erzähltechniken des Films

Aus der Schule kennen Sie wahrscheinlich noch die grundlegenden Kategorien, die man bei erzählenden Texten untersucht: Erzählperspektive, Figurencharakterisierung, Zeitgestaltung etc. pp. In meiner Rolle als Deutschlehrkraft bringe ich meinen Schülerinnen und Schülern bei, wie sie all dies in Prosatexten analysieren und interpretieren können. In meiner Rolle als Autor hingegen wende ich die Kategorien bewusst an, um meine eigene Geschichte erzählerisch abwechslungsreicher zu gestalten und bestimmte Effekte bei meiner Leserschaft zu erzielen.

 

Die Techniken, mit denen nun ein Film effektives Storytelling erzielt, stellen gewissermaßen eine Erweiterung derjenigen eines reinen Textes dar. Natürlich macht es auch in einem Video narrativ gesehen einen Unterschied, aus wessen Perspektive oder in welcher Reihenfolge das Geschehen dargestellt wird. Durch die Audiovisualität eines Films erhalten Sie aber mit einem Schlag noch viele weitere Kategorien, die Sie für ein effektives Storytelling zu Ihren Gunsten nutzen können:

 

(1)   Kameraeinstellungen. Spielen Sie mit verschiedenen Möglichkeiten, Ihr Geschehen ins Bild zu setzen. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob Sie nur die schweißperlenbesetzte Stirn unseres Jobsuchenden vom Anfang in einer Detailaufnahme framen oder das gesamte Zimmer in einer Totalen ablichten. Generelle Faustregel hierbei ist: Je höher der Detailgrad einer Aufnahme, desto emotionaler und wichtiger wirkt sie auf das Publikum.

 

(2)   Kameraperspektive. Filmen Sie eine Figur aus der Froschperspektive, wirkt diese groß und mächtig. Filmen Sie eine Figur dagegen aus der Draufsicht, wirkt sie klein und untergeben. Filmen Sie eine Szene so, dass die Kamera nicht parallel zum Horizont ist – also im sogenannten dutch angle –, ruft das Unbehagen oder Verwirrung hervor. Sie sehen: Allein die Entscheidung dafür, wie Sie die Kamera im Raum positionieren, trägt zum Storytelling bei.

 

(3)   Kamerabewegungen. Wenn der Jobsuchende die frohen Zeilen liest, dass er den Job erhalten hat, kann die Kamera seinen lesenden Blick imitieren. Zoomen Sie auf etwas oder jemanden, lenkt das die Aufmerksamkeit des Publikums automatisch auf das Ziel des Zooms. Versuchen Sie sich an verschiedenen Kamerabewegungen und experimentieren Sie damit, wie diese das, was Sie erzählen möchten, unterstützt.

 

(4)   Farbe. Farbpsychologie wirkt. Stellen Sie etwa eine Figur dar, die einen Wutausbruch hat, sollten Sie die Szene vor einer roten Tapete filmen. Möchten Sie etwas abbilden, was traumhaft oder unwirklich wirkt, setzen Sie auf Hellblau oder Cyan. Sollen Ihre Protagonisten unschuldig und „gut“ wirken, kleiden Sie sie in Weiß. Ein Tipp: Oft reichen schon subtile, aber bewusste Farbkleckse im Bild, um eine Stimmung zu erzeugen oder die Erzählung in eine bestimmte Richtung zu lenken.

 

(5)   Beleuchtung. Auch Licht erzählt. Steht eine Person voll ausgeleuchtet da, nehmen wir sie als vertrauenswürdiger oder „besser“ wahr als eine, die im Schatten steht. Kommt das Licht von vorne und blendet ihre Schauspielerin, lässt das eine Handlung oft unnatürlich wirken. Kommt das Licht hingegen von hinter dem Schauspieler, taucht ihn das in eine fast mystische und „gute“ Aura – gewissermaßen wie ein Heiligenschein.

 

(6)   Schnitt. Eine hohe Frequenz von Cuts lässt eine Handlung dynamischer wirken. In einer Actionsequenz zum Beispiel werden wir mehr Cuts pro Minute erwarten als in einer Szene, die eine Familie beim Frühstück zeigt. Diesen Effekt haben wir auch beim Beispiel unseres Jobsuchenden: Solange er emotional aufgewühlt ist, weil er noch nicht weiß, ob er den Job hat, verdeutlichen wir das mit mehr Cuts als nach der erlösenden E-Mail. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, wie Schnitte erzählen – denken Sie nur daran, dass Jump Cuts Verwirrung hervorrufen können. Oder dass Long Takes ohne viele Schnitte je nach Situation die Spannung verstärken (etwa in einem Horrorfilm), aber genauso verringern können (z. B. unmittelbar nach einer actiongeladenen Sequenz mit vielen Schnitten).

 

(7)   Sound Design. Zu einem Film gehören nicht nur Bilder, sondern auch der Ton. Insbesondere durch Entscheidungen in der Post Production können Sie den Sound zum Werkzeug Ihres Erzählens machen: Legen Sie einen Audiofilter über Ihre Aufnahmen? Welches Musikstück wählen Sie für eine Szene? Oder entscheiden Sie sich sogar für bewusste Stille, um eine gewisse Emotion zu verstärken? Liest jemand etwas aus dem Off oder wird der gesamte Text on screen gesprochen? All diese Aspekte können Sie berücksichtigen, um Ihr Storytelling noch effektiver zu machen.

 

(8)   Interaktivität. In Zeiten von YouTube-Videos, Instagram-Reels, TikToks und Social Media wird dieser Aspekt immer wichtiger. Binden Sie in Ihr Video einen Link ein, eine Umfrage oder ein Feedback-Tool, so erzählen Sie allein dadurch, dass Ihnen der Kontakt zu Ihrem Publikum wichtig ist – ohne dass Sie explizit darauf hinweisen müssen.

 

 

Natürlich ist diese Liste unvollständig – auch die Positionierung der Schauspielenden im Raum, das Bildformat, das Bühnenbild, die Maske, das Kostüm, die Kameralinse und, und, und kann erzählen. Und auch innerhalb der genannten acht Erzähltechniken des Films kann man noch viel weiter ins Detail gehen: Welche Farbe spiegelt nun am besten Liebe wider, wenn Rot doch eigentlich Wut unterstützt? Sollte ich für meine Szene lieber ein Musikstück in Dur oder in Moll nutzen? Welche narrative Wirkung erzielt es, wenn meine Kamerafahrt in einem Bild endet, das kopfüber steht?

 

Das Beste ist: Experimentieren Sie. Und treffen Sie dann mit Ihren Erkenntnissen bewusste Entscheidungen, um eine eigene narrative Bildsprache zu finden. Und wenn Sie dann dieses „Womit“ Ihres Erzählens gemeistert haben, dann können Sie zum „Wie“ und „Was“ übergehen – den konkreten Plot Ihres Videos, um den es beim nächsten Mal gehen wird.


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Über den Autor

Dennis Pfefferkorn




Dennis Pfefferkorn ist Lehrkraft für Deutsch und Latein an einem bayerischen Gymnasium. Zudem ist er als freischaffender Autor tätig. In seiner Bachelorarbeit legte er den Schwerpunkt auf Erzähltheorie und Storytelling.



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